Einige Gedanken zum Jahreswechsel

Ich möchte einige Gedanken zum Jahreswechsel niederschreiben, gerade weil man ja immer wieder und nach wie vor von der „Gerechtigkeitsdiskussion“ hört. Unlängst hat der Journalist Gottfried Sperl einige erstaunliche und erschreckende Fakten in einem Zeitungsartikel zusammengefasst, hier die Kurzzusammenfassung seines Artikels von vor einigen Tagen:

Die Besteuerung der Höchstverdiener wird ein wesentlicher Inhalt auch der politischen Diskussion bleiben, weil die Schere zwischen Reich und Arm in vielen Bereichen immer weiter aufgeht. Reichensteuern führen zweifellos zu mehr Abgaben-Gerechtigkeit, die Ursachen der Ungerechtigkeit werden damit jedoch nicht beseitigt.

In seinem jüngsten Buch „Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes“ schreibt der amerikanische Philosoph Michael J. Sandel, die Entfesselung der Märkte seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vor allem in den USA aber auch in Europa hat zu einer „Marktgesellschaft“ geführt, in welcher sich die dominanten Kräfte jeglicher sozialer Rücksicht und jeglichen Bewusstseins für Verantwortung entledigt hätten.

Sandel illustriert seine Thesen mit Fakten, hier einige besonders krasse Fakten:

  • In Kalifornien kann die Benützung eigener Autobahn-Spuren für Fahrgemeinschaften von Alleinfahrern gekauft werden. Die Auswirkung: Reichtum setzt Sparwillen und Solidarität außer Kraft.
  • Für eine jährliche Gebühr zwischen 15.000 und 25.000 Dollar sind lassen sich Ärzte in den USA von begüterten Menschen „buchen“. Die Folgen: Ärztemangel in manchen Gegenden und Benachteiligungen für die weniger reichen Schichten.
  • Unglaubliche 35 Milliarden Dollar schwer ist das Geschäft mit Lebensversicherungen Schwerkranker. Man kann solche Polizzen kaufen, zahlt die laufenden Prämien der todkranken Menschen und kassiert nach deren Tod Millionensummen. Die Auswirkung: Das Aushebeln jeglicher moralischer Wertvorstellung durch kapitalistische Entgrenzung.
Krass, oder? Jedoch auch Tatsache. Sandel schreibt, dass nicht die Gier allein das Schlamassel der weltweiten Finanzkrise verursacht habe, sondern die Ausdehnung von Möglichkeiten der Märkte in Bereiche, wo sie nichts zu suchen haben. Und zwar dort, wo interessanterweise gerade die von Konservativen aber auch Marktliberalen gleichermaßen beschworenen Schutzzonen einer traditionell verfassten Gesellschaft liegen: In den Familien, bei den Kranken und Alten, den Schulen.

Der österreichische Marktliberale Christian Ortner verzettelt sich in seinem Büchlein „Prolokratie. Demokratisch in die Pleite“ genau in den Widersprüchen, die der Marktliberalismus auch in Österreich seit der Regierung Schüssel/Haider (2000-2007) vertieft hat. Die in dem Buch vorkommenden jugendlichen „Helden“ Jessica und Kevin „nähren“ sich von, wie Ortner es nennt, Krawall-Fernsehen und Trash-Boulevard. Welche Fernseh- und Unterhaltungsprogramme damit gemeint sind ist wohl schwer zu erraten. Jessica und Kevin sind in dem Buch einer Konsum-Masse herangewachsen, an der sich Politiker (vor allem deren Berater) orientierten.

Ortner verschweigt jedoch, dass genau diese Situation durch die Aufwertung der Märkte zu Quasi-Gottheiten der Gesellschaftspolitik entstanden ist.

Die Vernichtung von Werten, auch jener der Demokratie, ist in vollem Gange. Kevin und Jessica sind nicht von Haus aus dumm, sie werden dumm gehalten – um als funktionierende Konsumenten „richtig“ zu wählen – und zwar alles was es in den bunten Shoppingcenters dieser Welt zu kaufen gibt. Gesellschaftliches Engagement? Irrelevant. Politisches Interesse? Kein Thema.

Sind wir alle nicht gefordert gegen diese Entwicklung anzugehen? (Michael Mrak)

Veröffentlicht von michaelmrak

Learn from the past, dream of the future and live in the present.

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